Selbstverletzendes Verhalten bzw. Selbstverletzungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist aus psychotherapeutischer Sicht weniger als „Suche nach Aufmerksamkeit“ zu verstehen. Sondern als ernstzunehmender Versuch, mit innerer Not umzugehen. Häufig dient Selbstverletzung der Regulation überwältigender Gefühle, dem Beenden innerer Leere oder dem Wiedererlangen von Kontrolle in Situationen, die als ausweglos erlebt werden. Hinter dem Verhalten stehen oft intensive Scham, Hilflosigkeit, unverarbeitete Traumata oder chronische Überforderung des Nervensystems.
Ein zentraler therapeutischer Schritt ist zunächst die Entstigmatisierung und Beziehungsgestaltung. Betroffene brauchen einen sicheren, wertfreien Raum, in dem sie nicht verurteilt oder unter Druck gesetzt werden. Der Therapeut vermittelt: Das Verhalten ergibt Sinn vor dem Hintergrund dessen, was erlebt wurde. Diese Haltung reduziert Scham und ermöglicht erstmals Offenheit. Parallel ist – besonders bei Kindern und Jugendlichen – eine klare, haltgebende Struktur wichtig, die Sicherheit vermittelt und gleichzeitig schützt.
Selbstverletzungen sind oft ein Versuch der Selbstregulation
In der klassischen Gesprächstherapie wird gemeinsam erforscht, welche Gefühle, Situationen oder inneren Zustände dem selbstverletzenden Impuls vorausgehen. Dabei zeigt sich oft, dass Betroffene den Kontakt zu ihrem Körper entweder nur über Schmerz oder gar nicht mehr spüren. Genau hier setzen körperorientierte Psychotherapien an.
Verfahren wie Somatic Experiencing gehen davon aus, dass Selbstverletzung häufig mit einem dysregulierten Nervensystem zusammenhängt – etwa mit innerer Erstarrung, Übererregung oder emotionaler Taubheit. In der Therapie lernen Betroffene, Körperempfindungen achtsam wahrzunehmen und zu differenzieren, ohne sofort handeln zu müssen. Durch sanfte Regulation, Boden- und Atemarbeit oder das Pendeln zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen entsteht allmählich wieder Wahlfreiheit. Der Körper wird nicht länger nur Ort des Schmerzes, sondern auch Quelle von Sicherheit.
Beziehungsorientierte Ansätze wie NARM unterstützen zusätzlich, die tieferliegenden Überlebensstrategien zu verstehen, etwa Selbstabwertung, Rückzug oder das Gefühl, „zu viel“ zu sein. Anstatt diese Muster zu bekämpfen, werden sie gewürdigt und im Hier und Jetzt behutsam transformiert. Ziel der Therapie ist nicht nur die Reduktion des selbstverletzenden Verhaltens, sondern der Aufbau neuer, gesünderer Wege der Selbstregulation. Wenn Betroffene lernen, Gefühle im Körper zu spüren, zu halten und auszudrücken, verliert Selbstverletzung nach und nach ihre Funktion – und echte Selbstfürsorge wird möglich.

